Kultur ist kein Luxus. Sie ist Teil der demokratischen Infrastruktur unserer Stadt.
Sehr geehrte Ratsmitglieder,
mit großer Sorge verfolgt die Freie Kulturszene Krefelds die aktuellen Haushaltsberatungen und die verhängte Haushaltssperre. Uns ist bewusst, unter welchem finanziellen Druck unsere Stadt und die Kommunen insgesamt derzeit stehen. Wir wissen, dass schwierige Entscheidungen getroffen werden müssen und nicht alle Wünsche erfüllt werden können.
Gerade deshalb möchten wir den Blick auf einen Bereich richten, dessen Wert sich nicht allein in Zahlen bemessen lässt.
Die Freie Kulturszene Krefelds ist weit mehr als ein Veranstaltungsprogramm. Zu ihr gehören soziokulturelle Zentren, freie Theater, Musik- und Literaturinitiativen, Festivals, Ateliers, Vereine sowie zahlreiche Künstlerinnen und Künstler. Gemeinsam schaffen wir Orte, an denen Menschen unterschiedlichster Herkunft, Generationen und Lebensrealitäten zusammenkommen, sich begegnen, diskutieren, gestalten und Gemeinschaft erleben.
Diese Orte sind heute wichtiger denn je. In einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung, wachsender Einsamkeit und schwindenden Vertrauens in demokratische Institutionen schaffen sie Räume für Austausch und Zusammenhalt. Kultur verbindet Menschen, eröffnet Perspektiven und stärkt das demokratische Miteinander. Sie macht unsere Stadt lebendig, attraktiv und lebenswert.
Doch diese Arbeit wird seit Jahren unter immer schwierigeren Bedingungen geleistet.
Die Kosten für Personal, Honorare, Energie, Sicherheit, Technik und Dienstleistungen steigen kontinuierlich. Gleichzeitig ist es richtig und notwendig, Kulturschaffende fair zu bezahlen. Parallel dazu verfügen viele Menschen über weniger frei verfügbares Einkommen. Veranstaltungen werden kurzfristiger gebucht, manche Besuche bleiben aus. Die wirtschaftlichen Risiken kultureller Arbeit wachsen, während die Möglichkeiten, diese Entwicklung über Eintrittspreise aufzufangen, begrenzt sind.
Gerade deshalb ist die institutionelle Förderung unverzichtbar. Sie finanziert keine Extras, sondern die Grundlagen kultureller Arbeit: Räume, Personal und Planungssicherheit. Sie schafft die Voraussetzungen dafür, dass Projektförderungen, Sponsoring und das außergewöhnliche ehrenamtliche Engagement der freien Szene überhaupt wirken können. Auch die Krefelder Projektförderung trägt daran einen großen Anteil.
Erst vor kurzer Zeit hat der Rat der Stadt Krefeld parteiübergreifend anerkannt, dass die Freie Kulturszene strukturell unterfinanziert ist, und die institutionellen Förderungen entsprechend angepasst. Dieses Signal war mehr als eine finanzielle Entscheidung. Es war ein klares Bekenntnis zur kulturellen Vielfalt unserer Stadt.
Wir appellieren eindringlich daran, dieses Bekenntnis auch in der aktuellen Haushaltslage nicht infrage zu stellen.
Denn kulturelle Infrastruktur verschwindet nicht auf einen Schlag. Sie wird schleichend geschwächt – wenn Teams kleiner werden, Räume verloren gehen, Angebote eingestellt werden und ehrenamtliches Engagement an seine Grenzen stößt. Was heute wegfällt, lässt sich morgen oft nicht einfach wieder aufbauen.
Wir fordern keine Sonderrolle für die Kultur. Wir wissen, dass alle Bereiche ihren Beitrag zur Haushaltskonsolidierung leisten müssen. Aber Kultur darf nicht deshalb zur vermeintlich einfachen Sparmasse werden, weil ihre Verluste erst mit zeitlicher Verzögerung sichtbar werden.
Gerade in wirtschaftlich und gesellschaftlich schwierigen Zeiten braucht Krefeld Orte, an denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen, unterschiedliche Perspektiven kennenlernen und Gemeinschaft erleben können. Eine vielfältige Freie Kulturszene ist dafür keine freiwillige Leistung – sie ist Teil der sozialen und demokratischen Infrastruktur unserer Stadt.
Die Frage ist nicht, ob wir uns Kultur leisten können. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, auf sie zu verzichten.
Wir bitten Sie, diese Verantwortung bei Ihren Entscheidungen in den kommenden Tagen mitzudenken.
Mit freundlichen Grüßen
„Wir.Müssen.Reden 2.0“, Krefelder Musiker Initiative e.V., dem Werkhaus e.V., der Kulturrampe und der Kulturfabrik Krefeld e.V.